populistisches Alkoholverbot am Praterstern kommt doch?

Jetzt scheint es doch zu kommen: in der vergangenen Woche haben wir bei unserer Begehung am Praterstern noch gehört, dass niemand dieses Alkholverbot will. Aber der Populismus scheint den zukünftigen Bürgermeister schon voll erfasst zu haben. Wenn das tatsächlich umgesetzt wird („Ich hoffe, es gelingt, die Szene, zu zerstreuen“, Michael Ludwig im Standard am 22.4.18), dann passiert das, wovon alle Exper*innen abraten: Mobilisierung der Szenen, unnötige und unmenschliche Erhöhung von Schikanen und weitere Ausgrenzung von gesellschaftlich Marginalisierten, Verlagerung der „Szenen“ in Wohngebiete. Politisch stellt sich die Frage, worauf Michael Ludwig reagiert – auf ein paar rechte Politiker*innen und Medien…?

https://derstandard.at/2000078401806/Wien-verordnet-Alkoholverbot-am-Praterstern

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Leistbares Wohnen – aber für wen?

Campus Lectures: Vortrag und Diskussion
am Fr, 4.5.2018 15:00-17:30 Uhr
auf FH Campus Wien, 10., Favoritenstraße 226, Festsaal B.E.03

Vortrag von Christian Reutlinger, 
Leitung des Instituts für Soziale Arbeit und des Kompetenzzentrums Soziale Räume auf der FHS St. Gallen: 
Wohn-Bedingungen und Wohn-Praktiken aus historischer Perspektive. 

Podiums-/Publikumsdiskussion: 
"Leistbares Wohnen" ist derzeit in aller Munde - es stellt sich aber die Frage, was darunter gemeint ist und welche Herausforderung sich daraus ergeben. Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit können wir dabei auf die Wohnversorgung breiter Bevölkerungsschichten ebenso blicken, wie auf Zugang zum Wohnen von vulnerablen Personen.

Diskussion mit:
Tove Raiby, wohnpartner im Wiener Gemeindebau
Martin Orner, EBG - gemeinnütziger Wohnbau
Elisabeth Hammer, bawo - Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe
Moderation: Christoph Stoik, FH Campus Wien - Master-Studienzweig Sozialraumorientierte Soziale Arbeit

Anmeldung bis 29. April 2018 an sozialklinisch@fh-campuswien.ac.at 
 Die Teilnahme ist kostenfrei.

Weitere Informationen:
https://www.fh-campuswien.ac.at/studium/aktuell/news-und-termine/detail/News/campus-lectures-leistbares-wohnen-aber-fuer-wen.html 

Stellungnahme zu Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Sozialer Arbeit in der Kinder- und Jugendarbeit

Ausgelöst durch die Anwendung des Kollektivvertrags der Sozialwirtschaft Österreich (SWÖ) in der professionellen Kinder- und Jugendarbeit findet derzeit eine Debatte zu „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“ innerhalb der Wiener Kinder- und Jugendarbeit statt. Von verschiedenen Seiten werden Argumente verwendet, die irritierend sind, weil sie sich im Widerspruch zur etablierten Fachdiskursen befinden. Unter anderem wird auch das „Glossar für Soziale Arbeit im öffentlichen Raum“, das ich mit Richard Krisch u.a. inhaltlich verantworte, missbräuchlich verwendet. Deshalb will ich einige Punkte klarstellen. Diese Klarstellung ergeht an die Fachöffentlichkeit, also an die Wiener Magistratsabteilung 13 – Fachbereich Jugend, an die Vereine der Wiener Kinder- und Jugendarbeit, die Kolleg*innen, die in der Kinder und Jugendarbeit tätig sind, den Vorstand der SWÖ, an die bOJA , die AG „Offene Kinder- und Jugendarbeit in Österreich“ der OGSA und an Vertreter*innen der GPA.

Derzeit ist zu beobachten, dass die Debatte über „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“ nicht aus fachlichen Überlegungen heraus geführt wird, sondern von monetären Interessen geleitet ist. Es geht um die Einstufung von Mitarbeiter*innen der Wr. Kinder- und Jugendarbeit in Verwendungsgruppen des KVs – mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen. Fachliche Argumente werden dabei für diese Verteilungs- und Budgetfragen missbraucht. Ich plädiere dafür, entweder die fachliche Debatte von diesen Finanzierungsfragen zu trennen (was allerdings postfaktisch wäre), oder den SWÖ-KV so schnell wie möglich aus fachlicher Sicht zu korrigieren!

Soziale Arbeit ist Sozialarbeit UND Sozialpädagogik in Praxis und Wissenschaft

Insbesondere im deutschsprachigen Raum hat sich die Soziale Arbeit aus der Tradition der „Sozialpädagogik“ („Jugendpflege und Pädagogik der frühen Kindheit“[1]) und der Tradition der „Sozialarbeit“ („Sozialhilfe und klassische Wohlfahrtspflege“[2]) entwickelt. Während der wissenschaftliche Diskursort der „Sozialpädagogik“ insbesondere in Deutschland auf den Erziehungs- und Bildungswissenschaften auf universitärer Ebene zu finden waren, fand der wissenschaftliche Diskurs zu „Sozialarbeit“ auf den Fachhochschulen statt. Empirisch und theoretisch betrachtet ist gegenwärtig aber nicht mehr argumentierbar, „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“ als getrennte Arbeitsbereiche mit eigenen Methoden zu verstehen[3]. Im deutschsprachigen wissenschaftlichen Diskurs, hat sich durchgesetzt, die Theorietraditionen und Praxen der „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“ unter „Sozialer Arbeit“ zusammenzufassen. „Soziale Arbeit“ wird dieser Erkenntnis folgend – mit besonderem Blick auf die Kinder- und Jugendarbeit – so verstanden:

„Soziale Arbeit“ setzt sich mit Sorge- Erziehungs- und Bildungsprozessen auseinander – sowohl in klassischen Bereichen der „außerschulischen“ Jugendarbeit, als auch in Prozessen  der Gemeinwesenarbeit. Erziehungs-, Bildungs- und Sorgeprozessen sind im Alltag der Menschen und in der professionellen Jugendarbeit nicht voneinander abtrennbar. „Soziale Arbeit“ beschäftigt sich mit der Not und Hilfebedürftigkeit von Menschen genauso wie mit Fragen der Sozialisation, der menschlichen Entwicklung in unterschiedlichen Lebensphasen, der Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeit und Versorgung.

Dazu ist Folgendes zu betonen:

  1. Selbst wenn die Kinder- und Jugendarbeit historisch der Tradition der „Sozialpädagogik“ entstammt, ist sie Teil der „Sozialen Arbeit“. Ausgehend von der Lebenswelt der Kinder und Jugendliche ist „Soziale Arbeit“ mit Fragen der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ebenso beschäftigt, wie mit Fragen, der Hilfeleistung und Unterstützung. Diese unterschiedlichen Aspekte des Lebens sind im Alltag der Kinder und Jugendlichen verknüpft und vermischt.
    Die Kinder- und Jugendarbeit geht vom Wissen der Sozialen Arbeit aus, egal welcher Tradition entsprungen. Sie bezieht sich auf Theorien der Sozialisation, der Alltags- und Lebenswelten, der Inklusion und Integration, des Ausschlusses, der Stigmatisierung, der Geschlechterforschung, der Intersektionalität, der Bedürfnisse und Menschenrechtsprofession, der Emanzipation, der Resilienz, des Sozialen Raums u.v.m. Diese Theorien stammen aus unterschiedlichen Bezugswissenschaften und werden in Bezug zur „Sozialen Arbeit“ gesetzt.
    Die Kinder- und Jugendarbeit wendet sowohl Methoden an, die in der Tradition der „Sozialarbeit“ entstanden sind (wie Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit, aber auch Streetwork), als auch in der Tradition der „Sozialpädagogik“ (wie Lebensweltanalysen, sozialpädagogisches Fallverstehen, oder Erlebnispädagogik)[4].
  2. Ausdrücklich muss dabei betont werden, dass auch in der Vergangenheit „Sozialarbeit“ NICHT auf Einzelfallhilfe und Beratung reduziert war. „Sozialarbeit“ ist historisch betrachtet von der Methodentrias ausgegangen (Casework, Social Groupwork und Communitywork), was sich im aktuellen deutschsprachigen und in internationalen Verständnis nach wie vor zeigt[5].
  3. Ausdrücklich betont werden muss außerdem, dass Methoden egal aus welcher Tradition in allen Feldern der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden – in der Parkbetreuung, in der Arbeit in Jugendzentren und -treffs, in der aufsuchenden und mobilen Jugendarbeit und in den Angeboten der Gemeinwesenarbeit. Im Setting der Freizeitpädagogik beispielsweise müssen professionelle Gespräche mit „Einzelfällen“ ebenso geführt werden wie lebensweltliche Sozialisations- und Bildungsprozesse bei der Beratung im Setting der Streetwork berücksichtigt werden müssen.

Diesem Verständnis würde ich in Österreich folgen, auch wenn sich die Situation zu Deutschland, in der diese Theoriediskussionen besonders geführt wurden und werden, unterscheidet. Dazu ein paar erklärende Aspekte:

  1. Im deutschsprachigen Diskurs war (ist) mit „Sozialpädagogik“ ein Teil der Bildungs- bzw. Erziehungswissenschaften auf den Universitäten gemeint. Viele Theorien der Sozialen Arbeit wurden in universitären Kontexten entwickelt. Die Beschäftigung mit „Sozialarbeit“ – aus der Praxis-Tradition der „Sozialhilfe und klassische Wohlfahrtspflege“[6] – fand in der Vergangenheit eher auf den Fachhochschulen in Deutschland statt. Würde man*frau theoriebezogen einer Trennung der „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“ folgen, wäre hierarchisch betrachtet „Sozialpädagogik“ der „Sozialarbeit“ übergeordnet. Dieses Gedankenspiel zeigt die Absurdität der aktuellen Debatte in Österreich.
  2. Mit eigenen Ausbildungsstätten für „Sozialpädagogik“, die formal aber nicht an das österreichische Hochschulsystem angebunden sind, ist die Situation in Österreich anders als in Deutschland. Die Erkenntnis, dass „Sozialpädagogik“ theoretisch und empirisch nicht abtrennbar ist von „Sozialarbeit“ und auch verknüpft sein muss mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung über „Soziale Arbeit“, hat sich in Österreich immer noch nicht vollständig durchgesetzt. Dies ist vermutlich nicht nur dadurch erklärbar, dass die wissenschaftliche Fundierung der „Sozialen Arbeit“ mit der späten Gründung der Fachhochschulen in Österreich noch nicht so weit fortgeschritten ist wie in Deutschland, sondern auch mit finanziellen bzw. budgetären Überlegungen.

Plädoyer für eine wissensbasierte Debatte

Folgt die Kinder- und Jugendarbeit dem Selbstverständnis einer professionellen Arbeit in Sorge- Erziehungs- und Bildungskontexten, die sich wissenschaftlich und theoretisch begründet, muss sie sich an den wissenschaftlichen und empirischen Grundlagen orientieren. Aufgrund der gesellschaftlichen und öffentlichen Beauftragung stellt sie ein professionelles Handeln dar, das fachlichen Erkenntnissen folgen muss – alles andere wäre rückwärtsgewandt und postfaktisch – zumal die Kinder- und Jugendarbeit mit komplexen gesellschaftlichen Ansprüchen von Sorge-, Erziehungs- und Bildungsprozessen konfrontiert ist. Diese Anforderungen verlangen Analyse- und Erklärungswissen ebenso wie Wissen über professionelles Handeln. Diese professionelle Arbeit sollte gesellschaftlich entsprechend anerkannt und bezahlt werden. Die Spaltung der Beschäftigten der Kinder- und Jugendarbeit, sowie eine Entprofessionalisierung durch Kurzausbildungen und die Zersplitterung der Ausbildungsangebote sind gegen diese professionellen und gesellschaftlichen Ansprüchen gerichtet und folgen kurzfristigen finanziellen Überlegungen, denen entgegen zu treten ist – nicht nur aus der Perspektive der professionellen Kinder- und Jugendarbeit, sondern auch aufgrund gesellschaftlicher Herausforderungen und Entwicklungen (zunehmende Spaltung der Gesellschaft, zunehmender gesellschaftlicher Ausschluss, zunehmender Normierungs- und Sozialisationsdruck etc.).

Ich appelliere daher an alle Beteiligten, eine wissensbasierte und fachliche Debatte zu führen, die dem Wissensstand und den Ansprüchen an die professionelle Kinder- und Jugendarbeit gerecht werden – und politische Entscheidungen diesem fachlichen Diskursen grundzulegen.

Wien am 3.4.2018

 

[1] Thole Werner: Soziale Arbeit – Praxis, Theorie, Forschung und Ausbildung. Versuch einer Standortbestimmung. In: Thole Werner (Hg.) (2012): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Wiesebaden: VS-Verlag/Springer. 4. Auflage. S. 20

[2] Thole Werner: Soziale Arbeit – Praxis, Theorie, Forschung und Ausbildung. Versuch einer Standortbestimmung. In: Thole Werner (Hg.) (2012): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Wiesebaden: VS-Verlag/Springer. 4. Auflage. S. 19

[3] vgl. Thole Werner: Soziale Arbeit – Praxis, Theorie, Forschung und Ausbildung. Versuch einer Standortbestimmung. In: Thole Werner (Hg.) (2012): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Wiesebaden: VS-Verlag/Springer. 4. Auflage. S. 19-70

[4] vgl. dazu diverse Handbücher zur Kinder- und Jugendarbeit, wie
Deinet Ulrich, Sturzenhecker Benedikt (Hg.) (2013): Handbuch Offene Kinder-und Jugendarbeit. Wiesbaden: Springer VS. 4., überarb. u. aktual. Auflage;
Schröer, Wolfgang/Struck, Norbert/Wolf, Mechthild (Hg.) (2002): Handbuch Kinder- und Jugendhilfe. Weinheim: Juventa.

[5] vgl. u.a.
Galuske, Michael (2007): Methoden der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. 7. Auflage. Weinheim und München: Juventa;
International Federation of Social Workers (2014): Global Definition of Social Work. online: http://ifsw.org/get-involved/global-definition-of-social-work/ [03.04.2018]

[6] Thole Werner: Soziale Arbeit – Praxis, Theorie, Forschung und Ausbildung. Versuch einer Standortbestimmung. In: Thole Werner (Hg.) (2012): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Wiesebaden: VS-Verlag/Springer. 4. Auflage. S. 19