Erhebung zu Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit im deutschsprachigen Raum

Die „Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit“ führt eine Erhebung zu Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit im deutschsprachigen Raum durch. In einem ersten Schritt gibt es eine kurze Vorerhebung, die die Grundlage für eine umfassende Erfassung der Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit im deutschsprachigen Raum sein soll. Weiter Informationen sind unten bzw. über den weiterführenden link zu finden (falls der link nicht funktioniert, diesen bitte kopieren und in einem Internetbrowser öffnen).


 

Liebe Kolleg*innen, liebe Praktiker*innen in der Gemeinwesenarbeit,Quartierarbeit, Soziokulturellen Arbeit/Soziokulturellen Animation, Quartierkoordination, im Quartiersmanagement und in ähnlichen Feldern –

Ihr und Euer Wissen ist gefragt!

Wir erforschen, wo überall in Deutschland, Österreich und der Schweiz Gemeinwesenarbeit stattfindet, wie sie finanziert wird und wer die Träger dieser Arbeit sind. In einem ersten Schritt möchten wir so viele Praxisorganisationen und -projekte wie möglich in Erfahrung bringen.

Unterstützen Sie uns!

– Wenn Sie Ihre Tätigkeit einem der oben genannten Arbeitsfelder zuordnen: Nehmen Sie sich 5 Minuten Zeit und beantworten Sie unsere Online-Umfrage.

– Leiten Sie diese E-mail an Kolleg*innen weiter, die in den oben genannten Arbeitsfeldern tätig sind.

Den Link zur Online-Umfrage und mehr Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie hier:

https://www.dgsa.de/fileadmin/Dokumente/Sektionen/Gemeinwesenarbeit/EINLADUNG_GWA-UMFRAGE.pdf

Herzlichen Dank für Ihre und Eure Mitwirkung!

Die Forschungsgruppe der Sektion Gemeinwesenarbeit:
Oliver Fehren, Edi Martin, Maren Schreier, Elfa Spitzenberger, Sabine Stövesand, Christoph Stoik

gwa-forschungsprojekt@posteo.at

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GWA – Tagung 2018: Gemeinschaften bilden: solidarisch, emanzipatorisch, autoritär?

Eine Vielfalt traditioneller und neuartiger Gemeinschaften und Communities versprechen Lösungen gesellschaftlicher Probleme und mehr soziale Bindung: Nachbarschaften, Bildungs- und Kulturvereine, Grätzelaktivitäten, Initiativen in der Flüchtlingshilfe, FoodCoops, Baugruppen, Sozialraumprojekte usw.

Gemeinwesenorientierung in Bildung, Kultur und Sozialer Arbeit findet sich angesichts dieser Entwicklungen in Widersprüchen: Wo hat sie sich als emanzipatorisches Projekt durchgesetzt und wo wird sie bloß autoritär instrumentalisiert, um mit lokalen Gemeinschaften von gesellschaftlicher Verantwortung abzulenken?

Am 10.-12.10.18 findet wieder die GWA-Tagung am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung in St. Wolfgang statt. Wir wollen uns ausgehend von Projekten und kurzen Vorträgen kritisch mit der Bildung von Gemeinschaft auseinandersetzen – durchaus im doppelten Wortsinn.

Weitere Informationen über

https://www.bifeb.at/programm/termin/calendar/2018/10/10/event/tx_cal_phpicalendar/gemeinschaft_bilden_solidarisch_emanzipatorisch_autoritaer/

Die Wohnungsfrage ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Zugang zu leistbaren Wohnraum ist in Wien, wie in anderen europäischen Städten, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Wohnungsfrage wird zur zentralen sozialen Frage in städtischen Gesellschaften. Das ist das wichtigste Ergebnis der Campus Lectures: „Leistbares Wohnen – aber für wen?“ des Master-Vertiefungszweiges „Sozialraumorientierte Soziale Arbeit“, die am Fr, 4.5.2018 am FH Campus Wien stattgefunden hat. Im einleitenden Vortrag legte Christian Reutlinger, Leiter des Instituts für Soziale Arbeit und des Kompetenzzentrums Soziale Räume auf der FHS St. Gallen dar, welche Dimensionen für die Wohnungsfrage relevant sind. Aus sozialräumlicher Sicht sind Bedingungen des Wohnens als konkrete Gegebenheiten, unter denen Menschen leben, soziale und wirtschaftliche Voraussetzungen der Menschen und die Verfestigungen dieser Verhältnisse in der städtischen Siedlungsstruktur relevant, um daraus Handlungsperspektiven abzuleiten. Unter der Heranziehung von Friedrich Engels Frühwerk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ aus dem Jahre 1845 wurde deutlich, dass die Wohnungsfrage keine ist, die „gottgegeben“ ist, sondern von Menschen gemacht wird und Interessen folgt. Sozialraumarbeit nimmt dem folgend Gestaltungsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen in den Blick, in der Gestaltung der physisch-materiellen Welt, der Arbeit mit den Menschen und den Veränderungen struktureller Bedingungen.

 

In der folgenden Podiumsdiskussion wurden genau diese Gestaltungsmöglichkeiten auf die Situation in Wien konkretisiert. In der Analyse zeigte sich, dass die Wohnungsfrage inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wie das Martin Orner, Geschäftsführer der EBG Gemeinnützige Ein- und Mehrfamilienhäuser, Baugenossenschaft reg. Gen. m. b. H. formuliert hat – und das obwohl der Anteil an kommunalen und gemeinnützigen Wohnungen in Wien vergleichsweise sehr hoch ist. Elisabeth Hammer, Obfrau der bawo – Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und Geschäftsführerin des Vereins „Neunerhau – Hilfe für obdachlose Menschen“ rechnet vor, dass eine Wohnung dann leistbar ist, wenn nach Abzug der Wohnkosten 830 Euro in einem Einzelhaushalt zur Verfügung bleibt (Zahlen aus 2016). Sie verweist aber auch darauf, dass sich die Situation vieler wohnungsloser Menschen in den letzten Jahren verbessert hat. Die Auflösung von Heimstrukturen und die frühzeitige Wohnversorgung („housing first“) orientiert sich an Mindeststandards menschlicher Wohnbedürfnissen. Gegenwärtige politische Überlegungen, wieder große Institutionen am Stadtrand zur Wohnversorgung zu errichten, stellt sich da äußerst absurd dar.

Dass sich die Wohnungsfrage auch im kommunalen Wohnbau zeigt, beschrieb Isabella Wohinz, Leiterin des wohnpartner-Teams im Gemeindehau für den 14., 15. und 16. Bezirk. Die Konflikte, mit denen sie in ihrer Arbeit zu tun hat, sind der Ausdruck von unterschiedlichen Bedürfnissen in teilweise belasteten sozialen und ökonomischen Verhältnissen.

Der Druck auf den kommunalen und gemeinnützigen Wohnbau hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Der Altbau kann diesen Druck nur noch sehr begrenzt aufnehmen, wie auch ein Kollege der sanften Stadterneuerung im Publikum bestätigt.

Nachverdichtung sei zwar ein Lösungsansatz. Dafür müsste aber die bestehende Wohnbevölkerung „mitgenommen“ werden: Deren Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden und Nachverdichtung dürfe nicht auf Kosten des öffentlichen Raums erfolgen, der für die Entlastung eine bedeutende Rolle spielt.

Als zentrale Frage stellte sich bei der Diskussion der Zugang nach erschwinglichen Grund und Boden heraus. Hier müssten stärkere Maßnahmen geschaffen werden, um ausreichend günstig kommunal und gemeinnützig bauen zu können.

 

Einigkeit herrschte am Ende auch darüber, dass es ein gemeinsames Lobbying für leistbares Wohnen Sinn macht. Die Interessen der „Mittelschicht“, der Bewohner*innen im gemeinnützigen und kommunalen Wohnbau und  der vulnerablen wie wohnungslosen Menschen sollte nicht auseinander dividiert werden, Vertreter*innen dieser Bereiche sollten gemeinsam auftreten, um die Wohnungspolitik entsprechend zu beeinflussen.

 

https://www.fh-campuswien.ac.at/studium/aktuell/news-und-termine/detail/News/zugang-zu-leistbarem-wohnraum.html

Das Politische der Sozialraumarbeit

Konsequenzen aus einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sozialer Arbeit.

Rede zu der Verleihung der FH-Professur an mich am 7.5.2018:

Liebe Barbara, lieber Herr Vizerektor, liebe Elisabeth, liebe Brigitta, lieber Josef, Liebe Kolleg*innen, liebe Festgäste!

Ich begebe mich mit dieser Rede mit Ihnen auf eine persönliche Zeitreise und beginne diese auf dem Karlsplatz der späten 1980er Jahre:

Die Armut am Karlsplatz – die sogen. Drogenszene wurde dort übrigens 2010 vertrieben – hat mich zur Sozialen Arbeit geführt. Als ich am Ende des Gymnasiums darüber nachgedacht habe, was ich studieren soll, hab ich mich schließlich für die Soziale Arbeit entschieden. Die sichtbarste Armut in Wien der späten 1980er Jahre war die am Karlsplatz. Ich hatte damals einen ganz typischen Zugang zur Sozialen Arbeit: ich wollte den Menschen helfen, die besonders auf Hilfe angewiesen waren. Aber ich habe schon damals den gesellschaftlichen Widerspruch gespürt. Ein Unbehagen in mir, dass es keine Gesellschaft geben soll, in der Menschen so leben müssen sind, wie sich das damals am Karlsplatz gezeigt hat.

Dieser persönliche Zugang beschäftigt mich seither mein ganzes berufliches Leben. Ich setzte mich in der Folge sowohl in meiner sozialarbeiterischen Praxis als auch in meiner wissenschaftlichen Arbeit mit dem Politischen in der Sozialen Arbeit auseinander, und was das mit Raum und – insbesondere – öffentlichen Raum zu tun hat.

Ich werde jetzt versuchen, darüber etwas systematischer und aus der Perspektive der Wissenschaft der Sozialen Arbeit zu sprechen. Ich beginne mit einem analytischen Blick auf Armut im öffentlichen Raum: In öffentlichen Räumen spiegeln sich gesellschaftliche Herausforderungen wider. Wenn wir beispielsweise auf den Praterstern in Wien blicken, für den seit einer guten Woche ein Alkoholkonsumverbot gilt, dann zeigte sich dort folgendes: Dort haben sich Menschen aufgehalten, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Der öffentliche Raum ist für viele aber der letzte Raum, den sie haben. Für viele ist das Lebens- und Wohnraum. Viele dieser Menschen haben kein Wohnzimmer. Er ist aber auch der Raum, in dem soziale Kontakte und soziale Beziehungen gepflegt werden können. Wo sonst sollen sie sich treffen. Diese Menschen können es sich nicht leisten, in ein Lokal zu gehen, oder zum Wiesn-Fest auf der Kaiserwiese. Aber der Aufenthalt an öffentlichen Räumen hat auch noch eine weitere integrative Bedeutung. Für Menschen die ausgeschlossen sind von Wohnraum, vom Arbeitsmarkt, von Bildungsangeboten und von sozialen Leistungen und weitgehend auch von Konsum, finden in öffentlichen Räumen einer der wenigen Orte, in denen sie noch Teil dieser Gesellschaft sein können, dort konsumieren können, sichtbar bleiben für die Gesellschaft. Sie werden gesehen, sie können sich zeigen. Da wird die Bedeutung des öffentlichen Raums aus einer demokratiepolitischen Dimension deutlich: Der öffentliche Raum ist Symbol dafür, wie unsere Gesellschaft mit sozialen Problemen umgeht. Ob diese noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Die Menschen von einer doppelten Marginalisierung getroffen werden – also einem gesellschaftlicher Ausschluss und einem räumlichen – oder doch zumindest räumlich sichtbar und damit noch ein wenig Teil der Gesellschaft bleiben. Daher wäre es so wichtig, wenn zentrale, urbane Räume erhalten bleiben für die, die ganz besonders auf diese angewiesen sind, wie das auch das Mission Statement zu sozialer Arbeit im öffentlichen Raum vertritt, an dem ich mitarbeiten durfte.

Wenn wir aber wieder zurück in die Analyse gehen, müssen wir versuchen zu verstehen, welche Mechanismen und gesellschaftlichen Entwicklungen sich hinter dieser Verdrängung verbergen. Das ist komplex – ich geh jetzt daher nur auf ein paar wenige Mechanismen ein. Dabei wird aber deutlich, dass wir es hier mit Ausdrucksformen von Armut zu tun haben, die nicht nur mit kommunalen und nationalen Entwicklungen zu tun haben, sondern auch mit globalen. Die Forschung und der Diskurs über die globale Stadt zeigt, dass sich in den großen kapitalistischen Städten immer zugleich Reichtum und Armut zeigt. Ja wir wissen, dass das gleichzeitige Auftreten von Reichtum und Armut zusammenhängt – und ihren Hintergrund in einer Konkurrenz zwischen Städten weltweit hat. Städte als Anziehungspunkte für das Kapital. Diese Städte haben ein Interesse, dass das Kapital sich hier ansiedelt. Es schafft Arbeitsplätze. Aber natürlich auch wieder Kapital-Vermehrung. Dazu braucht es aber billige Arbeitskräfte – das sogenannte „Bodenpersonal“, die Reinigungskräfte in den Bürotürmen, die Botendienste für die Versorgung der hier arbeitenden Menschen, die Arbeiter*innen, die diese wachsende Stadt aufbauen. Und natürlich ziehen reiche Städte die Armut auch an, Menschen, die in anderen Ländern dieses Kontinents und dieser Erde nicht oder nur sehr schlecht überleben können – da werden uns Zäune nicht helfen, die abzuhalten. Es zeigt aber auch eine Politik, die auf eine europäische Sozialpolitik verzichtet und den Waren- und Personenverkehr nach ganz bestimmten Kriterien reguliert, zulässt aber auch beschränkt. Eine Auseinandersetzung mit dieser Armut, die sich in den öffentlichen Räumen zeigt, macht deutlich, dass es kurzsichtig – unwissenschaftlich wäre – wenn wir das nur als lokales Phänomen verstehen würden, oder gar als individuelles Problem von Menschen, die Alkohol konsumieren.

Was bedeutet das aber nun für eine Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit? Es ergeben sich daraus wieder eine Menge Konsequenzen – ich werde mich hier jetzt auch wieder nur auf ein paar wenige konzentrieren – und ich beziehe mich in der Folge v.a. auf die sogenannte „Sozialraumarbeit“, die meiner Meinung nach einen systematischen Rahmen gibt, soziale Phänomene, auf die wir in der Sozialen Arbeit treffen analytisch einzuordnen. Sie ermöglicht aber auch eine professionelle Positionierung zu diesen Phänomenen – also eine Grundlage für das professionelle Handeln. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sozialen Raum zeigt, dass das was wir in physischen Räumen vorfinden mit komplexen Prozessen zusammenhängen. Das was sich an konkreten Orten zeigt, hat eben zu tun mit sozialen Räumen, die dann nicht mehr so haptisch, greifbar physisch sind, sonder abstrakte gesellschaftliche Räume, mit gesellschaftlichen Prozessen, mit Normierungsprozessen, mit dem Wirtschaftssystem und der jeweiligen Ausformung der Sozialpolitik, sowie mit Herrschaftsmechanismen.

In der Folge stellt sich die Frage, wie sich Soziale Arbeit nach so einer Analyse positionieren soll und kann. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist es gar nicht möglich, diese Kontextbedingungen nicht zu betrachten, nicht zu berücksichtigen. Im Gegenteil wir müssen zum Ergebnis kommen, dass eine Soziale Arbeit, die sich als eine eigenständige Profession und Disziplin versteht, auch zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen äußern muss. Die Theorie der Sozialraumarbeit zwingt uns, Soziale Arbeit als etwas Politisches zu verstehen, die die Mechanismen erklärt, die Hintergründe von sozialen Phänomenen aufzeigt und dieses Wissen in die gesellschaftlichen Diskurse einbringt. Sozialraumarbeit lässt uns verstehen, wie das individuelle Leid, wie sich das dann zeigt in sozialen Räumen und welche gesellschaftliche Strukturen zueinander im Verhältnis stehen. Sie verweist auf einen spezifischen analytischen Blick. Aber sie definiert auch die Handlungsebenen der Sozialen Arbeit. Sie zeigt, dass sich professionelles Handeln nicht nur auf die direkte Arbeit mit Adressat*innen beziehen kann, sonder auch als ein politisch – fachlich begründetes Handeln. Also auf die Rahmenbedingungen einzuwirken, um gesellschaftliche Integration wieder zu ermöglichen. Die leidige Diskussion über das sogenannte politische Mandat sollte damit endgültig erledigt sein. Natürlich hat die soziale Arbeit die Aufgabe, sich aus ihrem disziplinären und professionellen Wissen gesellschaftspolitisch einzubringen.

Dieser Auftrag der sich also für die Soziale Arbeit ergibt, stellt uns vor großen Herausforderungen. Da die Soziale Arbeit als eigenständige Disziplin noch nicht ausreichend etabliert ist, wir im deutschsprachigen Raum noch Mühe haben, Dissertationsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit zu schaffen, ist es besonders wichtig, dass es Orte und Rahmenbedingungen gibt, in denen theoretisch und empirisch gearbeitet werden kann. Da sind wir meiner Meinung nach auch hier an der FH Campus Wien sehr gefordert, und es ist nicht leicht, Rahmenbedingungen zu finden, die Forschung in der Sozialen Arbeit gut und stabil zu entwickeln. Wir haben das Problem, dass die FHs in Österreich in erster Linie als Lehranstalten und weniger als Forschungsanstalten gegründet wurden – das spüren wir in der täglichen wissenschaftlichen Praxis, weil die Zeit für die Forschung knapp ist. Aber wir sind auch konfrontiert damit, dass wir als junge Disziplin und als junge Forschungseinrichtung Schwierigkeiten haben, zu Forschungsgeldern zu kommen – die Konkurrenz mit den Universitäten ist groß. Die Förderschienen machen es der Sozialen Arbeit (so wie eigentlich allen sozialwissenschaftlichen Disziplinen) nicht ganz leicht, Forschungsgelder zu lukrieren.

Sie werden jetzt feststellen, dass ich sehr kritische Töne hier anschlage. Einige werden vielleicht sagen – typisch Soziale Arbeit. Und ja Sie haben Recht – typisch Soziale Arbeit– lassen Sie mich dazu abschließend ein paar Bemerkungen machen. Ich hab vorher schon gezeigt, warum es zur Aufgabe der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit gehört, Kritik zu üben, unser Fachwissen in die gesellschaftlichen Diskurse einzubringen. Diese Wissen ist nun aber selbst vom mehrfacher Marginalisierung betroffen, wie das u.a. von Ernst Engelke gut herausgearbeitet wurde. Der Gegenstand der Sozialen Arbeit ist die „Lösung sozialer Probleme“, wie das Silvia Staub-Bernasconi sagt. Das beinhaltet die Beschäftigung mit Themen, die gesellschaftlich marginalisiert werden, die tägliche Auseinandersetzung mit Menschen, die von Margnialisierung betroffen sind. Wir haben also die Aufgabe, diese Marginalisierung, wieder in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Unsere Aufgabe ist es, die Marginalisierung selbst zu kritisieren und damit die Gesellschaft zu kritisieren. Das ist aus einer Position in der die Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit selbst gesellschaftliche marginalisiert ist, als ein Beruf, in denen viel mehr Frauen arbeiten als Männer, in einem Beruf, in dem die Sozialarbeiter*innen für herausfordernde Arbeit aber im gesellschaftlichen Vergleich schlecht bezahlt werden und in dem Wissenschaft der Sozialen Arbeit noch nicht etabliert ist, nicht leicht. Ja es erklärt die Marginalität der Sozialen Arbeit natürlich auch. Gleichzeitig stellt die Soziale Arbeit so etwas wie einen gesellschaftlichen Sensor dar. Die Soziale Arbeit ist ununterbrochen am Rand der Gesellschaft tätig. Wir spüren dort nicht nur tagtäglich den Umgang der Gesellschaft mit Marginalität, sondern, wir erheben und beforschen sie, und dabei beobachten wir dort sehr schnell, wenn sich Gesellschaft verändert – wenn Ausschlussprozesse zunehmen, wenn die gesellschaftliche Integration schwieriger wird. Die Soziale Arbeit ist in Praxis und Wissenschaft an den sensiblen Rändern der Gesellschaft tätig. Somit bleibt ihr nichts anders übrig – wenn sie sich selbst ernst nimmt – auf diese Verschiebungen, auf Ausschluss und Marginalisierung hinzuweisen. Ja, es ist typisch für die soziale Arbeit, Kritik zu äußern, weil das Teil ihres Gegenstands ist, Teil ihres wissenschaftlichen und methodischen Zugangs ist und ihre gesellschaftliche Aufgabe ist. Wir haben schon einmal erlebt, was passieren kann, wenn die Soziale Arbeit diese Aufgaben und Verantwortung verlässt, als sie für die Tötungsmaschinerie des Nationalsozialismus eingesetzt wurde, von der v.a. auch Adressat*innen der Sozialen Arbeit betroffen waren, wie Menschen mit Behinderung.

Die Herausforderungen zeigen sich aber auch anders: In einer immer autoritär werdenden Gesellschaft, in der nicht Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnisse oder fachliche Expertise die Grundlage für politische Entscheidungen sind, müssen wir darum kämpfen, dass Wissenschaft nicht noch mehr an Bedeutung verliert – und ich meine damit nicht nur eine Wissenschaft, die der Profitsteigerung dient.

Ich bin aber sehr froh, dass ich hier am FH Campus Wien einen Ort gefunden habe, an dem wir an der Fachlichkeit, der Weiterentwicklung der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit mitwirken darf. An dem es in der Verantwortung von uns Wissenschafter*innen liegt, sich in die politischen Diskussionen einzubringen. An einer FH, an der es auch mögliich ist, Kritik innerhalb des Wissenschaftsbetrieb zu formulieren. Sich auch kritisch dazu zu äußern, wenn die FH Politiker*innen einen Bühne bietet, die alles anderes tun, als der Wissenschaft zuzuhören. Die daran arbeiten, dass Sozialleistungen zurückgebaut werden, die daran arbeiten, dass in Österreich mehr Armut produziert wird, die daran arbeiten, dass Menschen in den öffentlichen Raum verdrängt werden, weil sie sich angesichts steigender Wohnkosten und reduzierten Sozialleistungen keine Wohnung mehr leisten können. Und Politiker*innen die offen gegen ganze Menschengruppen hetzen und eine rassistische Politik vertreten und umsetzen.

So muss ich meine Festrede beenden mit einer Kritik an meiner FH, aber auch mit einem Dank, dass mich die FH auffordert, mich kritisch aus der Wissenschaft heraus, zu äußern.

Mediale Debatte über das Alkoholverbot im öffentlichen Raum als Verdrängungsmaßnahme

Die Einführung des Alkoholverbots am Praterstern hat medial eine breite Diskussion ausgelöst. Das ist gut, immerhin geht es dabei nicht nur um den Praterstern, sondern wie zukünftig in öffentlichen Räumen reguliert wird, und wie Expert*innen-Wissen bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden. In diesem Zusammenhang sind die Aussagen von Elisabeth Odelga-Öcker von der Suchthilfe Wien im Falter 18/18 und Stadard sehr interessant:
https://derstandard.at/2000079058025/Alkoholverbot-am-Praterstern-Verschiebung-statt-Problemloesung

Unter den Befürworter*innen für das Alkoholverbot, finden sich bisher keine Argumente von ernstzunehmende Expert*innen zu Suchmittel-Konsum im öffentlichen Raum:
https://derstandard.at/2000078728002/Was-fuer-ein-Alkoholverbot-am-Praterstern-spricht-und-was-dagegen

Bemerkenswert ist auch der Beitrag im online-magazin „reflektive“: http://www.reflektive.at/51-2-gruende-warum-ein-alkoholverbot-am-praterstern-kein-einziges-problem-loest/

Eine Stellungnahme, die ich verfasst habe – https://sozialerraum.wordpress.com/2018/05/06/alkoholverbot-im-oeffentlichen-raum-gegen-ausgegrenzte-menschen-fuehrt-zur-verdraengung/ -, wurde von einige Medien aufgegriffen, z.B.:
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/top_news/961553_Ihre-Flasche-bitte.html

In der Berichterstattung wird aber auch deutlich, wie schwierig es ist, in Medien eine Debatte über gesellschaftliche Maginalisierung zu führen. Schnell wird dann wieder von den Menschen berichtet in einer zuschreibenden und auch reduzierenden kulturalisierenden Form, wenn z.B. die Gruppe von Männern „aus Afghanistan“ besonders herausgegriffen und beschrieben wird.

In der Presse wurde ein Gastkommentar von mir veröffentlicht:
https://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/5413196/Gastkommentar_Das-Alkoholverbot-fuehrt-zu-weiterer-Ausgrenzung

Alkoholverbot im öffentlichen Raum gegen ausgegrenzte Menschen führt zur Verdrängung

Nach dem Karlsplatz und dem Stadtpark ist es jetzt der Praterstern1. Öffentliche Räume werden vom Boulevard und von populistischer Politik immer wieder neu problematisiert und skandalisiert. Mit negativen Schlagzeilen können Geschäfte gemacht werden und von populistischer Politik erhoffen sich Politiker*innen Stimmenzugewinne. Sowohl diese Form der Berichterstattung als auch diese Art der Politik ignorieren dabei die Fakten.

Tatsächlich zeigen sich in öffentlichen Räumen gesellschaftliche Probleme, wie Armut und soziale Ausgrenzung. Auf urbanen und zentralen Plätzen, wie rund um Bahnhöfe, halten sich Menschen auf, die besonders auf öffentlichen Raum angewiesen sind. Das sind Menschen, die mangelhaft über Wohnraum verfügen wie Wohnungslose. Das sind Menschen, die sonst keinen Raum für den täglichen Aufenthalt haben. Es sind Suchtkranke, die gesellschaftlich ausgegrenzt sind. Er ist für manche der einzige Lebens- und Wohnraum. Der Aufenthalt im öffentlichen Raum lässt diese ausgeschlossenen Menschen in gewisser Weise noch Teil von Gesellschaft sein. Und die Sichtbarkeit ermöglicht der Sozialen Arbeit, diesen Menschen Hilfe anzubieten.

Alkoholverbote in öffentlichen Räumen hingegen richten sich gegen Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind. Sie werden verdrängt und verlieren diese Orte des Aufenthalts. Durch die Verdrängung wird das „Problem“ aber nur verlagert, was sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat (wie bei der „Auflösung der Szene am Karlsplatz“). Menschen, die sonst nirgends mehr sein können, werden „mobilisiert“. Sie sind von weiterer Ausgrenzung und von täglichen Kontrollen und Strafen seitens der Sicherheitsorgane betroffen. Die „Mobilisierung der Szene“ hat zumindest zwei weitreichende Folgen: Erstens wird es der Sozialen Arbeit erschwert, Unterstützung und Hilfe anzubieten. Und zweitens wird „die Szene“ an vielen anderen Orten sichtbar. Nach einiger Zeit werden sich die betroffenen Menschen an diesen Plätzen mehr niederlassen wie möglicherweise in Floridsdorf. Sie werden immer mehr an den Rand und auch in Wohngebiete gedrängt.

Weil die Folgen der Verdrängungen aus öffentlichen Räumen – auch aus Beobachtungen in unterschiedlichen Städten – wissenschaftlich bekannt sind2 und weil die Expert*innen der Sozialen Arbeit vor Ort von einem Alkoholverbot abgeraten haben, entschied sich die Stadt noch vor wenigen Wochen gegen diese Maßnahme3. Ähnliches Fachwissen war auch Grundlage für die Erstellung eines Mission Statement „Soziale Arbeit im öffentlichen Raum“, das 2013 von 5 Stadträt*innen verabschiedet wurde und sich „gegen jegliche Form von Diskriminierung in und Verdrängung aus dem öffentlichen Raum“4 ausspricht. Das Alkoholverbot steht aber auch im Widerspruch zur Deklaration „Wien als Menschenrechtsstadt“, die 2014 vom Gemeinderat beschlossen wurde5. Es ist gezielt auf die Verdrängung von gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen gerichtet. Der Alkoholkonsum im Rahmen kommerzieller Angebote (wie in Gastgärten und auf der sogen. „Wiener Wiesn“) wird ja nicht eingeschränkt. Die Kommerzialisierung dieser Plätze ist ein weiterer Hintergrund für diese Maßnahmen. Für die Verdrängung der überschaubaren Gruppe ausgeschlossener Menschen vom Praterstern werden dafür hohe Kosten in Kauf genommen (Exekution des Alkoholverbotes).

Die Armut in internationalen Metropolen verschwindet durch Verdrängungsmaßnahmen nicht. Daher sind diese Städte gefordert, mit öffentlich sichtbarer Armut adäquat umzugehen. Neben der sozialen Versorgung der Menschen hilft es, wenn der öffentliche Raum so gestaltet ist, dass unterschiedliche Nutzungen möglich sind. Expertisen aus der Planung und der Sozialen Arbeit zeigen, dass große zentrale Plätze wie der Praterstern besonders gut geeignet sind, vielfältige und widersprüchliche urbane Nutzungen aufzunehmen. Diese lassen es zu, dass sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen und Verhalten nebeneinander aufhalten können. Es ist leichter, einander auszuweichen und ausgegrenzte Personen können sich in Teilen der Plätze zurückziehen, in denen sie sich nicht dauernd im Blickfeld aller befinden.

Um zu einem menschlichen Umgang mit Armut und Ausgrenzung in urbanen Räumen zurück zu finden – auch im Interesse der Wohnbevölkerung – sollten fachliche Expertisen und die Expert*innen der Stadt zukünftig wieder in Entscheidungen einbezogen werden.

populistisches Alkoholverbot am Praterstern kommt doch?

Jetzt scheint es doch zu kommen: in der vergangenen Woche haben wir bei unserer Begehung am Praterstern noch gehört, dass niemand dieses Alkholverbot will. Aber der Populismus scheint den zukünftigen Bürgermeister schon voll erfasst zu haben. Wenn das tatsächlich umgesetzt wird („Ich hoffe, es gelingt, die Szene, zu zerstreuen“, Michael Ludwig im Standard am 22.4.18), dann passiert das, wovon alle Exper*innen abraten: Mobilisierung der Szenen, unnötige und unmenschliche Erhöhung von Schikanen und weitere Ausgrenzung von gesellschaftlich Marginalisierten, Verlagerung der „Szenen“ in Wohngebiete. Politisch stellt sich die Frage, worauf Michael Ludwig reagiert – auf ein paar rechte Politiker*innen und Medien…?

https://derstandard.at/2000078401806/Wien-verordnet-Alkoholverbot-am-Praterstern