Soziale Arbeit und Corona

„In der aktuellen Krise werden die Mängel in der Wohnungslosenhilfe sichtbar. Was wir brauchen, ist Wohnraum mit Privatsphäre, der den Personen zur Verfügung gestellt wird.“
Zusätzlich brauche es mehr finanzielle und personelle Ressourcen für die soziale Arbeit, sagt Lucia Palas.

Soziale Arbeit weist im Standard auf Missstände und Herausforderungen in der Wohnungslosenhife angesichts der Corona-Krise hin: https://www.derstandard.at/story/2000116106436/sozialarbeiter-warnen-vor-todesfaellen-unter-obdachlosen-waehrend-corona-krise

ich hab am 18.3. auf der fb-Gruppe aufgefordert:
Liebe Kolleg*innen!
weiß jemand von euch, wie es Menschen geht, die auf den öffentlichen Raum angewiesen sind? Wie geht die Polizei z.B. derzeit mit Menschen um, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind? Berichte sind hier möglich oder gern auch über pn an mich.

Inzwischen gibt es einige Vernetzungen, die es ermöglichen, sich zu auszutauchen und zu organisieren:

https://forum.coview.info/ – das ist übrigens eine überaus interessante „social and political covid-19 watchgroup“

https://connect-sozial.at/ – speziell für Austausch und Interessen der Sozialen Arbeit – ausgehend von Eva Grigori und Michaela Moser.

Diskussionen zur Evaluierung des Alkoholkonsumverbots am Praterstern

Der Standard berichtete am 21.1.2020 über „Zahlentrick bei Evaluierung des Alkoholverbots am Praterstern“ und löst dadurch kurzfristig breite Reaktionen zur Evaluierung des Alkoholkonsumverbots aus:

https://www.derstandard.at/story/2000113525775/zahlentrick-bei-evaluierung-des-alkoholverbots-am-praterstern

https://www.derstandard.at/story/2000113578192/alkoholverbot-am-praterstern-unnoetige-beschoenigung

https://www.derstandard.at/story/2000113575973/alkoholverbot-am-praterstern-buergermeister-sieht-keine-zahlentricks

https://wien.orf.at/stories/3030909/

https://kurier.at/chronik/oesterreich/alkoholverbot-am-praterstern-stadt-manipulierte-umfrage-ergebnis/400731795

https://www.diepresse.com/5755520/alkoholverbot-am-praterstern-ludwig-war-umfrage-egal-geschont-oder-nicht

Hier meine Einschätzung, wie ich die Streichung der „Weiß nicht“-Angaben zur Frage, ob sich das Sicherheitsempfinden durch das Alkoholkonsumverbots verändert hat:

Aus der Perspektive einer deskriptiven quantitativen Forschung, ist es zwar schon zulässig „neutrale“ Antworten zu streichen, um die Stimmung eher für oder eher dagegen deutlicher sehen zu können.

Bei der Frage, ob sich das Sicherheitsempfinden durch das Alkoholkonsumverbot verändert hat, halte ich es aber für fraglich, ob die Antworten „Weiß nicht“ einfach so zu streichen ist. Ein Teil dieses Antwortverhaltens könnte in Zusammenhang zu den Personen bestehen, die das Alkoholkonsumverbot gar nicht kennen. Egal, ob Personen die Maßnahmen kennen oder nicht, könnte das Antwortverhalten „Weiß nicht“ auch so gedeutet werden, dass diese Maßnahme sich auf das Sicherheitsempfinden nicht auswirkt. Man*frau könnte diese Antworten also genauso gut den „nein“-Antworten zurechnen….

Durch die Streichung der „weiß nicht“-Nennungen entsteht jetzt doch das Bild, dass es politisch opportuner erscheint, wenn von 68% Zustimmung gesprochen werden kann statt von 51%. Eine ganz feine Optik ist das nicht ….

Was ich allerdings mehr problematisiere, ist, dass das wissenschaftliche Vorgehen insgesamt nicht sehr transparent ist, weil der Bericht und die zugrundeliegende Daten nicht öffentlich zugänglich gemacht wurden. Ein Wesen der Demokratie ist es, dass Entscheidungen (faktenbasiert) öffentlich diskutiert werden können.

kurz: öffentlich finanzierte Evaluierung zu politischen Entscheidungen sollten auch öffentlich zugänglich sein.

Das Forschungsvorgehen ist für die Öffentlichkeit daher auch nicht gut nachvollziehbar. Wurde die Veränderung des Sicherheitsempfinden z.B. vor und nach Einführung der Maßnahme abgefragt? In welchen Kontext wurde gefragt, um  suggestive Fragen zu vermeiden („gewünschtes Antwortverhalten“), was zeigen die Polizei- Daten in einem längeren Verlauf, wer wurde befragt, wie hat sich die Situation der unterschiedlichen Nutzer*innen tatsächlich verändert und in welcher Verhältnismäßigkeit (Gegenüberstellung des Sicherheitsempfinden vs. Situation derer, die nun verdrängt wurden), welche Konsequenzen hat so eine Maßnahme in Betrachtung der ganzen Stadt und der Verschiebung von bestimmten Gruppen von einem  zu einem anderen Ort?

Meine zentrale Kritik am Alkoholverbot aber ist, dass eine Maßnahme der Verdrängung von Minderheiten und von Ausgrenzung betroffener Menschen auch nicht mit einem amorphen Gefühl der subjektiven Sicherheit legitimierbar ist.

ausführlicher zu meiner Einschätzung der Evaluierung: https://sozialerraum.wordpress.com/2019/07/18/evaluierung-des-alkoholkonsumverbots-am-praterstern/

und: https://sozialerraum.wordpress.com/2019/04/13/evaluierung-des-alkoholverbots-am-praterstern/

Call for Papers: Virtuelle Räume in der Sozialen Arbeit – ogsaForum am 02.03.2020 an der FH OÖ, Campus Linz

Im Rahmen des ogsaForums am 02.03.2020 an der FH OÖ, Campus Linz organisieren wir ein Panel zum Thema „Virtueller Räume in der Sozialen Arbeit„. Wir freuen uns über Einreichungen zu diesem Thema, insbesondere aus Abschlussarbeiten von Bachelor und Masterstudiengängen!
Wir bitten um Einreichung bis 10.2.2020
an christoph.stoik@fh-campuswien.ac.at
Das paper soll Ausgangssituation, Ziel, Vorgehensweise und Erkenntnisse des (Foschungs-)Projekts beinhalten und maximal 2 Seiten lang sein!
inhaltliche Konzeption des panels:

„Virtuelle Räume“, „Digitalisierung“, „Mediatisierung“ und „vireale Räume“ verweisen darauf, dass sogen. neue Medien und Technologien Alltagswelten ebenso beeinflussen wie professionelle. Es wird von neuen sozialen Räumen gesprochen, die Einfluss auf die „realen“ Welten haben. Gleichgültig aus welcher fachlicher Perspektive betrachtet (von der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, über die aufsuchende Sozialen Arbeit und virtuelle Nachbarschaftsräume bis zur Arbeit von Sozialarbeiter*innen mit neuen Technologien), ist deutlich, dass sich eine sozialräumliche Soziale Arbeit mit virtuellen Räumen auseinander setzen muss. Im Panel wollen wir aktuellen Forschungs- und theoretischen Arbeiten, wie Masterarbeiten einen Raum eröffnen, Erkenntnisse aus diesen vorzustellen und zu diskutieren.

INUAS Konferenz: Leistbares Wohnen in wachsenden Städten, 4.-6.11.19

Bei der INUAS Konferenz „Wohnen unter Druck. Dynamiken zwischen Zentren und Peripherien“ diskutierten auf der FH Campus Wien vom 4. bis 6. November Expert*innen aus mehr als 20 Ländern über sozial- und klimaverträgliches Wohnen in wachsenden Städten. Mit rund 110 internationale Beiträge, Exkursionen und Posters von Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis wurde transdiziplinär über die Herausforderungen diskutiert, leistbaren und zugänglichen, sowie nachhaltig Wohnraum zu schaffen.

Keynotes vom Loretta Lees und Amita Bhide haben das Thema Wohnen im Kapitalismus (Stichwörter: globale Apartheid, Gentrifizierung und prekäres Wohnen als Massenphänomen) global eingebettet. Mit dem Vortrag von Sascha Roesler wurde die internationale Herausforderung einer nachhaltige Architektur thematisiert. In den panels gab es angeregte Diskussionen der knapp 300 Teilnehmer*innen zu den Beiträgen aus unterschiedlichen disziplinären wissenschaftlichen und Praxis-Perspektiven. Bei einem IBA-Talk, sowie auf der Abschlussdiskussion mit Javier Burón Cuadrado, Wohnbaustadtrat von Barcelona wurde kontroversiell über Instrumente zur Schaffung von leistbaren Wohnraum diskutiert.

Mehr Informationen:

https://www.inuas.org/news/erkenntnisse-aus-der-ersten-inuas-konferenz-geben-aufschluss-ueber-die-herausforderungen-wachsender-staedte/

https://www.fh-campuswien.ac.at/studium-weiterbildung/aktuell/news-und-events/detail/News/inuas-konferenz-leistbares-wohnen-in-wachsenden-staedten.html

Book of Abstracts:

https://www.inuas.org/konferenz-2019/book-of-abstracts/

Fotos:

https://www.flickr.com/photos/fhcampuswien/sets/72157711791821887/

Die Zivilgesellschaft, ein umkämpftes Feld: 23. – 25.10.2019

GWA-Tagung am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung
„Die Zivilgesellschaft, ein umkämpftes Feld: Herausforderungen für Erwachsenenbildung und Gemeinwesenarbeit“ 

23. – 25.10.2019

Referate von Peter Alheit (Soziologe und Erziehungswissenschaftler), Hanna Lichtenberger (Politologin und Historikerin)und

Projekte aus der Zivilgesellschaft, der Erwachsenenbildung und der GWA.

Folgende Fragen wollen wir diskutieren:

mehr zum Programm und Anmeldung:

INUAS – Konferenz Wohnen unter Druck

internationalen und transdisziplinären INUAS-Konferenz

Wohnen unter Druck. Dynamiken zwischen Zentren und Peripherien

Early bird-Tickets gibt es noch bis 30. September 2019!

4. – 6. November 2019, FH Campus Wien

Aus über 155 internationalen Einreichungen haben wir über 115 wissenschaftliche Beiträge, Projekte, Exkursionen und Initiativen aus der urbanen Praxis ausgewählt.

Das Konferenzprogramm und Anmeldungist hier einsehen.

Wir freuen uns über Eure Anmeldung, Teilnahme und Diskussionen auf der Konferenz!

Zum Schwerpunkt der Tagung:

Ein rapides Städtewachstum ist nicht nur mit wirtschaftlicher Prosperität, Entwicklung neuer Wissensgebiete und technologischer Innovation verbunden, sondern auch mit ökonomischer Ungleichheit, sozialer Polarisierung und ökologischen Folgekosten. An den angespannten urbanen Wohnungsmärkten in europäischen und globalen Metropolen zeigen sich soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Spannungen zwischen Staat, Markt und Bevölkerung unter Wachstumsbedingungen besonders deutlich.

Die Nachverdichtung in attraktiven Lagen, die Verknappung öffentlicher Räume, die Aufwertung urbaner Zentren und einhergehende Verdrängungseffekte stellen ebenso wie die Entwicklung neuer Quartiere und öffentlicher Infrastruktur bei begrenzten städtischen Budgets und Flächenkapazitäten vielerorts große Herausforderungen der Wohnraumversorgung dar. Der demographische Wandel, wachsende Umweltbelastungen und ungleiche Lebensbedingungen erhöhen zugleich den Handlungsdruck auf staatliche Akteur*innen und demokratische Verfahren, sozialinklusive, gesundheitsfördernde und ressourceneffiziente Wohnpolitiken zu entwickeln. In dieser Transformation des Wohnens stellt sich eine Vielzahl an transdisziplinären und angewandten Fragestellungen, um die Anbindungs-, Versorgungs- und Lebenssituation städtischer Bevölkerung zu sichern und Alternativen einer nachhaltigen Entwicklung von Wohngebieten gestalten zu können.

INUAS International Conference Series
Urban Transformations: Housing / Resources / Public Spaces

Evaluierung des Alkoholkonsumverbots am Praterstern

Die Evaluierung des Alkoholverbots am Praterstern wurde vor kurzem seitens der Stadt Wien veröffentlicht. Der Evaluierungsbericht bewertet das Alkoholkonsumverbot insofern positiv, als dass die Zufriedenheit und das subjektive Sicherheit am Praterstern in einem Zusammenhang mit dem Alkoholkonsumverbot gebracht wird. Die Ausweitung eines Alkoholverbots wird vorerst aber nicht empfohlen. Neben dem Ausbaus der Angebote der Sozialen Arbeit und polizeiliche Maßnahmen sollen auch weitere baulich-technische Maßnahmen zum Einsatz kommen, um die subjektive Sicherheit zu erhöhen (vgl. Evaluierung). Der Evaluierung nachfolgend wurden unterschiedliche Plätze in den Blick genommen, „um Konflikte im öffentlichen Raum künftig besser entschärfen oder diese gleich vermeiden zu können.“ In diesem Zusammenhang wird von „Hotspots“ gesprochen. Neben dem Praterstern werden v.a. drei U6-Stationen in den Blick genommen (vgl. dazu https://wien.orf.at/stories/3003689/).

Interessant ist zuerst, auf welche Datengrundlage sich diese Evaluierung bezieht, welche Perspektiven und Interessen einbezogen wurden und wie bei der Erhebung methodisch vorgegangen wurden. Dem versuche ich gerade noch detaillierter nachzugehen. Aus den Unterlagen, die mir bisher vorliegen – unter anderem der knapp 15 Seitige Evaluierungsbericht zum Alkoholkonsumverbot – fällt folgendes auf:

1. Es ist unklar, wie der Zusammenhang der Zufriedenheit vor und nach Einführung des Alkoholverbots hergestellt werden kann. Die Messung der Zufriedenheit lediglich nach der Einführung des Alkoholverbots lässt ja nur eine grobe Einschätzung zu, ob sich die Zufriedenheit wirklich verändert hat.
(vgl. Evalierung: Fahrgastbefragung durch Omnitrend GmbH „2650 PassantInnen vor bzw. in der Station Praterstern zu ihrem subjektiven Sicherheitsempfinden sowie zum Alkoholkonsumationsverbot befragt“. Laut dieser Erhebung sind „80% (sehr) zufrieden mit ihrer persönlichen Sicherheit“. „39% [sehen] eine leichte und 12% eine deutliche Verbesserung“ durch das Alkoholkonsumverbot.)

2. Nicht klar ist, woher die mutmaßliche Unzufriedenheit überhaupt kommt: haben die Befragten persönliche Erfahrungen gemacht oder sind sie in erster Linie beeinflusst von der Medienberichterstattung und dem Image des Pratersterns? Und wie wurde in der Erhebung darauf geachtet, dass „erwünschtes“ Antwortverhalten minimiert wurde? Gefragt wurde lt. Bericht nach dem subjektiven Sicherheitsempfinden in Zusammenhang mit dem Alkoholkonsumverbot.

3. Unklar ist, wie mit den widersprüchlichen Interessen am Praterstern in der Evaluierung umgegangen wurde. Es stellt sich die Frage, wie die Interessen von Menschen in die Evaluierung eingeflossen sind, die auf öffentlichen Raum angewiesen sind, bzw. von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind.

4. Wie wurden Verdrängungseffekte empirisch erhoben? Tatsächlich ist es nicht leicht Verdrängungseffekte gut messen zu können. Einerseits führt die Verdrängung von Menschen dazu, dass sich die betroffenen in unterschiedliche Orte ausweichen. Andererseits ist Verdrängung ein dynamischer Prozesse, beeinflusst von Suchbewegungen der Betroffenen, sowie weiteren Verdrängungsmaßnahmen als Reaktion auf den Aufenthalt der Menschen an anderen öffentlichen Räumen. Evident ist mit der Evaluierung aber, dass Verdrängung stattgefunden hat (vgl. Evaluierung S. 7: Die „durchschnittliche Zahl der Personen […], die von den SozialarbeiterInnen vor Ort angetroffen wurden“ hat sich c.a halbiert. „Nach dem Inkrafttreten des Alkoholkonsumverbots reduzierten sich die Kontakte von „sam 2″ mit hilfsbedürftigen Menschen direkt am Praterstern um rund 40 Prozent“).
Unklar ist, wohin verdrängt wurde. Unklar ist auch, auf welche Art und Weise nun Anrainer*innen mehr „betroffen“ sind.

Vgl. dazu auch mögliche Perspektiven einer Evaluierung des Alkoholverbots am Praterstern:
https://sozialerraum.wordpress.com/2019/04/13/evaluierung-des-alkoholverbots-am-praterstern/

Resümee aus Evaluierung und öffentlicher Berichterstattung dazu:

Interessant ist, dass keine Ausweitung des Alkoholverbots vorgesehen ist – das ist sehr erfreulich – immerhin ist diese Maßnahme ja v.a, zu Verdrängung und Regulierung von Menschen eingeführt worden, die besonders auf den öffentlichen Raum angewiesen sind (siehe dazu: https://sozialerraum.wordpress.com/2018/05/06/alkoholverbot-im-oeffentlichen-raum-gegen-ausgegrenzte-menschen-fuehrt-zur-verdraengung/)

Drei Aspekte erscheinen allerdings doch bemerkenswert:

1. Auch wenn die Evaluierung als ein Rückkehr zu „bewährten“ Maßnahmen (u.a. Soziale Arbeit im öffentlichen Raum) ausgelegt werden kann, wurde mit dem Alkoholverbot die Verdrängung von Menschen, die von gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen sind, öffentlich legitimiert. Das Alkoholverbot stellt nun eine Maßnahme dar, die „legitim“ zur Anwendung gebracht werden kann – unabhängig davon, ob diese Maßnahme auch geeignet ist.
In der Evaluierung wird offensichtlich, dass die Arbeit durch die Verdrängung für die Soziale Arbeit erschwert wurde (vgl. Evaluierung S. 7).

2. Neben der Betonung von „bewährten“ Maßnahme, wie den Einsatz von Sozialer Arbeit oder Polizei, lässt sich erkennen, dass das Konzept der „defensiven Architektur“ noch expliziter legitimiert wird (ein eigenes Kapitel im Bericht „Baulich-technische Maßnahmen steigern Aufenthaltsqualität und Sicherheitsgefühl“) – auch wenn das zur Politik anderer Abteilungen im Widerspruch steht. Während sich in der Stadtplanung die Haltung durchgesetzt hat, dass öffentlicher Raum u.a. für die erhalten bleiben muss, die besonders auf ihn angewiesen sind (vgl. dazu Fachkonzept für den öffentlichen Raum), rückt seitens des Sozialressorts und des Bürgermeisters eine Politik in den Fokus, der dem widerspricht.

3. Bemerkenswert ist, dass rund um weitere Maßnahmen im öffentlichen Raum von „hot spots“ die Rede ist – eine Begrifflichkeit, die im wissenschaftlichen Kontext der Sozialraumforschung sehr kritisch gesehen wird, weil eine Problematisierung von Orten auch Menschen stigmatisiert und ausgrenzt. Mit dem verwendete Ampelsystem wird der Aufenthalt von bestimmten Menschen im öffentlichen Raum problematisiert: Anstatt auf das Konzept der urbanen Kompetenzen zu setzen und Widersprüchlichkeiten als Wirklichkeiten einer Großstadt zu realisieren, sowie sich für eine Normalisierung einzusetzen, die zu mehr Verständnis und einem Nebenbeinader von unterschiedlichen Menschen im öffentlichen Raum führt, wird betont, dass es „problematisches“ Verhalten im öffentlichen Raum gibt, das bekämpft werden muss. An der Aussage, dass sich am Stephansplatz nur „Büromenschen und Touristen“ aufhalten, wird deutlich, was als Problem definiert wird und was nicht. Folgt eine Stadtpolitik und eine Soziale Arbeit dieser Logik, macht sie sich – wissentlich oder nicht – zum Handlager von ökonomischen Interessen. Es geht dann weniger um die Frage, ob Menschen geholfen werden kann, die Unterstützung brauchen, weniger darum, Angebote der Versorgung und der Integration weiter zu entwickeln, sondern, wie ein Raum hergestellt wird, in dem ökonomische Interessen möglichst reibungslos verfolgt werden können.

(vgl. dazu https://wien.orf.at/stories/3003689/)

Schlussfolgerungen

  • Die Vorannahmen, die angewendeten Methoden, sowie die Datengrundlagen der Evaluierung zum Alkoholverbot am Praterstern ist noch zu betrachten, um die wissenschaftliche Güte und Validität der Ergebnisse überprüfen zu können.

  • Positiv ist, dass vorerst keine weiteren Alkoholverbote unmittelbar geplant sind.

  • Positiv ist, dass Angebote der Sozialen Arbeit weiterhin als wichtige Maßnahme für die Bearbeitung von Konflikten um öffentliche Räume angesehen werden. Es ist zu hoffen, dass die Erweiterung von Angeboten, wie z.B. mehr Alkohol-Konsummöglichkeiten in Tageseinrichtungen, tatsächlich mit den nötigen Ressourcenaufstockungen umgesetzt wird.

  • Kritisch ist zu sehen, dass die Verdrängung von Menschen aus dem öffentlichen Raum, die besonders auf ihn angewiesen sind, mit dem Alkoholverbot als weitere Maßnahme legitimiert wird. Bisher erreichte Errungenschaften wie das Mission Statement für Soziale Arbeit, oder auch das Fachkonzept für den öffentlichen Raum der Stadtplanung werden dadurch geschwächt. Die Unterstützung von Menschen im öffentlichen Raum wird erschwert, diese werden schlechter erreicht und sie sind weiteren gesellschaftlichen Ausschließungen ausgesetzt. Angesichts einer verschärften Armutspolitik (neues Sozialhilfegesetz), erscheint dies kein sehr zukunftsweisender Ansatz zu sein. Leider scheinen wirtschaftliche Interessen bei der Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum offensichtlich eine größere Bedeutung für die aktuelle Stadtregierung zu bekommen als die Integrationsfunktion, die der öffentliche Raum in demokratischen Gesellschaften haben soll.

Quellen:

Magistratsdirektion Organisation und Sicherheit – Gruppe Leitungsinstrumente (2019): Evaluierung Alkoholkonsumationsverbot am Praterstern Ergebnisbericht. Stadt Wien

https://www.wien.gv.at/menschen/sicherheit/alkoholverbot-praterstern.html

https://www.derstandard.at/story/2000105799332/alkoholkonsum-bleibt-am-wiener-praterstern-verboten

https://wien.orf.at/stories/3003689/

Fachkonzept Öffentlicher Raum der Stadt Wien: https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/b008522.html

Mission Statement der Stadt Wien zu Sozialer Arbeit im öffentlichen Raum: https://www.wien.gv.at/gesellschaft/soziale-arbeit/mission-statement.html

Positionierungen zur Verdrängung rund um den Praterstern in diesem blog:

https://sozialerraum.wordpress.com/2018/04/22/populistisches-alkoholverbot-am-praterstern-kommt-doch/

https://sozialerraum.wordpress.com/2018/05/06/alkoholverbot-im-oeffentlichen-raum-gegen-ausgegrenzte-menschen-fuehrt-zur-verdraengung/

https://sozialerraum.wordpress.com/2018/05/06/mediale-debatte-ueber-das-alkoholverbot-im-oeffentlichen-raum-als-verdraengungsmassnahme/

https://sozialerraum.wordpress.com/2019/01/05/privater-sicherheitsdienst-reguliert-oeffentliche-wiese/

https://sozialerraum.wordpress.com/2019/04/13/hausordnung-auf-kaiserwiese-weiterer-schritt-der-privatisierung-und-kommerzialisierung-des-oeffentlichen-raums/

https://sozialerraum.wordpress.com/2019/04/13/evaluierung-des-alkoholverbots-am-praterstern/

https://sozialerraum.wordpress.com/2019/05/19/offener-brief-zu-alkoholverbot-am-praterstern-und-hausordnung-auf-der-kaiserwiese/